Flying Condoms in Kassel – Im Gespräch mit Michèle Meyer & Olaf Rothe

13.02.2018 | 
Jannik Zimmermann |

Am Samstag den 03. Februar staunten viele Leute nicht schlecht, als auf einmal gegen Mittag zahlreiche bunte Luftballons in den Himmel stiegen. Doch mit einer Hochzeit oder einem Kindergeburtstag hatte das ganze natürlich nichts zu tun: In Kassel wurde – wie auch in Berlin, Magdeburg und München – an diesem Tag das Jubiläum des sogenannten „Swiss-Statement“ gefeiert. Wir von HESSENISTGEIL! haben es uns nicht nehmen lassen mit zwei Aktivist*innen über die Aktion „Flying Condoms“ und die Hintergründe zu sprechen. Die HIV-Aktivistin Michèle Meyer engagierte sich schon als Vertreterin der Schweizer HIV-Community-Organisation „LHIVE“ bei der Entstehung des „Swiss-Statements“ und ist Ideengeberin der Aktion „Flying Condoms“. Olaf Rothe gehört zu den Hautinitiatoren der Aktion in Kassel und ist seit Jahren ehrenamtlich in der HIV-Positiven-Bewegung und im Kontext der Aidshilfe unterwegs.

Was hat es mit dem Tag auf sich?

Olaf: Am 30. Januar 2008 wurde in der Schweiz durch die Eidgenössische Kommission AIDS-Fragen (EKAF) das „Swiss Statement“ veröffentlicht. Das ist nun 10 Jahre her und damit ein Jubiläum – das es aus meiner Sicht wirklich wert ist, gefeiert zu werden!

Michèle: Genau! Am 30.Januar.2018 waren es exakt 10 Jahre, dass die Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen (beratendes Gremium des Bundesrates (EKAF)) in der Schweizerischen Ärztezeitung publizierte, dass Menschen mit HIV unter erfolgreicher Therapie (viral load nicht nachweisbar, keine sexuell übertragbaren Krankheiten und brav therapietreu) sexuell nicht mehr infektiös sind – das heißt, dass das Virus auch bei kondomlosen Sex nicht übertragen wird.


Was hat euch dazu bewegt die Veranstaltung zu organisieren bzw. Dazu aufzurufen?

Michèle: Erstens: Man soll die Feste feiern wie sie fallen! Das ist ein riesiger medizinischer Fortschritt und eine Befreiung – ich wollte das feiern. Und zweitens: z.B. Die jüngste repräsentative Umfrage der BZgA zeigte: es ist nicht bekannt. 10% der Befragten nur hatten davon gehört und davon zweifeln sogar 7% noch daran.

Olaf: Das sehe ich ähnlich. Eben diese Jubiläumssituation war der Auslöser, gepaart mit der Erkenntnis, dass die Informationen, die in diesem „Swiss-Statement“ enthalten sind, in der Gesamtbevölkerung weitestgehend unbekannt sind. Also, einerseits ein Grund zum Feiern und andererseits ein Grund, um an die Öffentlichkeit zu gehen und zu verbreiten, was uns wichtig ist!

Was verbindet ihr mit dem Tag bzw. mit dem Swiss-Statement?

Michèle: Für mich sind es:

  • das lange Warten darauf
  • das zähe Ringen um die Formulierung
  • die Aufregung der Moralist*innen
  • der „Endlich! Es wurde aber auch Zeit“ Effekt
  • die X-Medienauftritte

und und und…

Olaf: Stichworte dazu sind für mich aus der Erinnerung:

  • Ungläubigkeit
  • Erleichterung
  • mit anderen darüber reden wollen
  • keine „Dreckschleuder“ mehr sein
  • der Druck aus dem Kondomzwang ist raus – Kondome einzusetzen hat jetzt wieder etwas freiwilliges, leichteres, kann auch wieder Teil des Spiels werden
  • natürliche Zeugung und natürliche Geburt sind wieder ohne Übertragung von HIV möglich
  • Sex ohne Kondom – zugegeben, ist für mich einfach schöner und intensiver – und nun durfte ich wieder…


Welche Veränderungen hat das Statement in euer Leben gebracht?

 Michèle: Das war 8 Jahre früher… Mein Swiss-Statement quasi, bekam ich durch meinen Infektologen Anfang 2000. Es brachte mir den Mut schwanger zu werden und zwei gesunde Kinder, ein entspanntes Liebes- und Sexualleben und halt auch viele Diskurse und Anwürfe von Seiten der Kritiker*innen.

Olaf: Wie bereits gesagt, erste positive Gedanken, Gefühle waren erleichtert und freier. Wesentlich freier, als vorher. Doch dann kam eben auch die Erkenntnis, dass – wenn diese Fakten wirklich wahr seien – das damit einhergehen musste, dass Menschen mit HIV unter wirksamer Therapie eben nicht mehr ansteckend sind. Also, dass es keinen Grund mehr für Diskriminierung, Stigmatisierung, geschweige denn Kriminalisierung gibt. Das Statement hatte somit – neben den persönlichen Aufwertungen – eine gewaltige, politische Dimension. Es sollte für uns zur Aufgabe werden, das Statement vielfältig und weitreichend in die Bevölkerung zu tragen. Nach meinem Gefühl ist das in den letzten 10 Jahren nicht gut genug gelungen. Man stelle sich vor, 10 Jahre – was für eine lange Zeit! Was ist in der Zwischenzeit alles geschehen, was hat sich politisch, wirtschaftlich etc. entwickelt? Und wenn ich heute mit Menschen in Kontakt gehe und über „Schutz durch Therapie“ spreche, sehe ich in den meisten Fällen große Fragezeichen in den Gesichtern. Das geht so nicht! Wir müssen da viel besser werden und unsere Kräfte darauf konzentrieren, dass dieses Wissen wirklich weitergetragen wird!!! Außerdem ist mir wichtig, dass diese Information wirklich politisiert wird und in einen Zusammenhang gestellt wird mit: Zugang zu diesen Therapien für alle, die sie benötigen, egal ob mit oder ohne Papiere unterwegs, egal, ob im Knast lebend und egal in welcher Region dieser Welt lebend!!! Das bedeutet: gerecht verteilte Ressourcen, Zugang zu Information – Menschenleben und Menschenrechte → statt Patente, Profit und Machtpolitik!!!


Lieben Dank für das Interview!

Nähere Informationen zum Thema Schutz durch Therapie findest Du unter: https://www.aidshilfe.de/schutz-therapie.

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MimiCry – Die Selbstfindungsreise eines schwulen Mädchens

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Björn Beck |

Mimicry erzählt die sexuelle Selbstfindungsreise der Protagonistin Mimi, die sich als schwules Mädchen identifiziert.

Die Japanologie-Studentin Mimi sucht nach Liebe, Leben und vor allem sich selbst. Mimi ist neu in der Stadt, Ende zwanzig, führt ein typisches Studentendasein und scheint ihren Platz noch nicht so recht gefunden zu haben. Wir begleiten dieses verwirrte und von Selbstzweifeln zerfressene Mädchen auf ihrer Selbstfindungsreise in eine von Sex und Techno geprägte Welt bis ins queere Milieu.

Mimi versucht eine passende Schublade für sich zu finden, besucht Schwulenbars und Raves und probiert sich in verschiedenen Rollen aus. Die Reise bringt sie zu der Erkenntnis, dass das Wesen eines Menschen nicht von seinem biologischen Geschlecht abhängig ist.

MimiCry ist ein sexueller und spiritueller Road-Movie ohne Autos, der das noch unbekannte Phänomen der Girlfags im queeren Spektrum beleuchtet, dabei aber alle Schubladen auflösen will.

Girlfags oder schwule Frauen sind Menschen, die sich meistens als schwuler Mann im Körper einer Frau identifizieren, ohne dabei geschlechtsangleichende Maßnahmen anzustreben. Sie fühlen, dass ihr biologisches Geschlecht nichts mit der eigenen Geschlechterzuordnung zu tun hat. Die Idee einer genderqueeren Gesellschaft, die sozial konstruierte Rollen ablehnt und mehr Individualität für jeden Menschen darbietet, spielt dabei eine starke Rolle.

In einem Interview mit dem Online-Magazin-Queer.de sagte Jennifer: „Mit elf Jahren hatte ich mein inneres Outing und schrieb in mein Tagebuch: „Ich stehe auf schwule Männer und ich fühle mich auch selbst schwul“. Verklebte diese Seite danach wieder, weil es mir peinlich war.“

Wir wollen uns den Film von Jennifer von Schuckmann anschauen und im Anschluss mit der Hauptdarstellerin und Nachwuchsschauspielerin Freya Kreutzkam und der Journalistin und Leiterin des Girlfag/GuyDyke-Stammtisches Berlin, Paula alias Tochter Krampfstrumpf diskutieren.

Mittwoch, 31. Januar 2018, 18 Uhr
Mal Seh’n Kino, Adlerflychtstr. 6, Frankfurt

Der Eintritt ist frei                                                        Moderation: Testa Steron

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von Tamara Keuer

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