Alte Strukturen aufbrechen

07.12.2017 |
Gast-Autor_in

Gesellschaftlich konservative Normen wieder anprangern

In der Marburger AIDS-Hilfe ging es bei einer Podiumsdiskussion am Nikolaustag vor allem um das verstaubte Konstrukt der Ehe und den Dissens zwischen „Ehe für alle“ und emanzipatorischer Queer-Bewegung.

Von Yannic Bakhtari

Marburg. War’s das jetzt? „Ehe für alle“ durchgesetzt und Diskriminierung von queeren Menschen hört mit einmal auf? Nein, denn die Ehe bleibt, egal für wen, zutiefst konservativ, sagen die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion „Ehe für alle – war’s das?“.

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.“ Der Inhalt dieses Rosa von Praunheim-Films ist so aktuell wie eh und je. Doch, so bemängeln die Diskutant*innen, sei die einstige provokative Schwulen- und Lesbenbewegung der 70er Jahre verkommen zu integrationistischem Engagement.

„Warum sollen wir aber wie viele Heteros sein wollen?“, fragt Fink. Der Ethnologe und Autor des Blogs „der zaunfink“ vertritt die Auffassung, dass statt Assimilation viel eher „Gesellschaftskritik“ und das „Regelwerk verändern“ im Fokus queerer Kämpfe stehen soll. Der hessische LINKEN-Bundestagsabgeordnete Dr. Achim Kessler kann da auch aus eigener Erfahrung sprechen: „Vergangenen Sommer beim Frankfurter CSD konnte ich bei einer Podiumsdiskussion nicht einmal ausführen, warum ich die Ehe für ein unsoziales Konstrukt halte. Ich wurde direkt unterbrochen mit dem Vorwurf, gegen die Ehe zu sein, wäre gegen die Bewegung queerer Menschen.“

Tatsächlich eifern immer mehr Homosexuelle und andere nicht-heteronormativ lebende Menschen konservativen Lebensentwürfen hinterher. Das geht bisweilen sogar so weit, dass einige von ihnen rassistisch argumentieren und Parteien wie der AfD ihre Stimme schenken. Durch Abgrenzung von in der Hackordnung niedriger angesehenen sozialen Minderheiten wie Flüchtlingen, können sie sich selbst aufwerten und von ihrem „Makel“ ablenken. Vor allem die Angepasstheit vieler Homosexueller, rückt den Fokus wieder verstärkt auf konservative Wertmuster. Lebensweisen jenseits der monogamen Zweierbeziehung wie unter anderem Polyamorie, offene Beziehungen, Singles, Asexuelle oder selbstbewusst promiskuitiv lebende Menschen werden längst nicht ohne weiteres von allen Menschen akzeptiert.

Doch warum die ganze Gleichmacherei, die Verbürgerlichung der Bewegung?

Weil das Assimilieren von Homosexuellen und anderen queeren Menschen zusätzlich den Effekt habe, dass zum Beispiel Schwule Lesben diskriminieren, weil „Frauen oftmals noch als minderwertig angesehen werden“, führt die lesbische Feministin Peet Thesing an. „Es gibt faktisch eine hierarchische Zweigeschlechterordnung; diese gilt es zu bemängeln und auf eine postgender-Gesellschaft hinzuarbeiten“, so Thesing. Kessler ergänzt: „Das Totschweigen von Lesben ist oft mehr Diskriminierung als Gewaltausübung.“ Zwar sei für Kessler und Thesing eine Post-Gender-Gesellschaft eine anzustrebende Utopie, aber eben noch eine Utopie. „Solange es die Ungleichheit der Geschlechter gibt, müssen wir darüber reden.“

Die soziale Frage sei nunmehr einer der wichtigsten Aspekte vollständiger Emanzipation, so Kessler. Ungleichheit schaffe Diskriminierung. Für Thesing ist die Ehe die „Keimzelle der kapitalistischen Gesellschaft“. Je kleiner soziale Gruppen seien, desto mehr werde das Sich-Solidarisieren mit anderen erschwert. Kessler pflichtet ihr bei, fügt an, dass die „Ehe ein Relikt aus Adenauer-Zeiten“ sei. „Frauen sollen dadurch zuhause bleiben. Außerdem sind Regelungen wie das Ehegattensplitting unsozial, da Kinderlose und Reiche bevorzugt werden. Ungerechtigkeit wird nicht dadurch besser, diese auf andere auszuweiten.“ Kessler will daher das Ehegattensplitting durch mehr Unterstützung für Kinder ersetzen. Auch das Konzept der Wahlverwandtschaft sei progressiv, weil dabei auch Menschen offiziell Verantwortung füreinander übernehmen können, die nicht blutsverwandt sind.

Andersartigkeit ist kein Makel. Es sei wichtig, „zu sagen, was ist“, so Kessler. Die Ehe als Norm entspräche nämlich nicht der gesellschaftlichen Realität.

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