Alte Wunden heilen (Stephan Urbach)

22.06.2020 |
Björn Beck

1996. Ich lebe auf dem Land und will seit Jahren sagen, dass ich Männer toll finde. In diesem Jahr sage ich es. Ich bin 15 und allein. Klar, man hat nix gegen Schwule – es ist halt nur so ein Schimpfwort auf dem Schulhof. „Schwule sind etwas Schlechtes“ ist das, was bei mir ankommt. Da ich schwul bin, bin ich also etwas Schlechtes.

In der Schule bekamen wir nur die Information, dass es Homosexualität gab, dass inzwischen keiner mehr dafür ins Gefängnis ging und dass man Schwule nicht diskriminierte. Über Lesben, Trans* und Inter-Menschen erfuhren wir damals nichts. So richtig hatte ich noch nicht verstanden, was „schwul“, was „queer“ bedeutet. LGBTQI* sagte mir noch nichts. Die Regenbogenfahnen kannte ich nur als „Friedensfahne“.

Foto: Stephan Urbach – privat

Zu meinem Glück fand ich über das Internet Zugang zu Newsgroups und Foren und probierte dort – neben jeder Menge Unfug –, etwas über mich herauszufinden. Mit Erwachsenen konnte und mochte ich nicht darüber reden. In der Bibliothek gab es zwar entsprechende Bücher, aber ich wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass ich solche Bücher auslieh. Und die Bibliothekarin bei uns war ebenso geschwätzig wie mein Arzt. Auf dem Land gab es für mich außerhalb meines Zimmers keine Privatsphäre. Es gab nur Ablehnung, Häme, „das ist eine Phase“ und Freunde, die sich mit mir plötzlich nicht mehr treffen wollten.

Schwule waren dann okay, wenn sie nicht in der Nachbarschaft wohnten und man nicht direkt mit ihnen zu tun hatte. Immer mit ausreichender Distanz und „Sicherheitsabstand“. Es war ätzend, denn ich wollte nicht auf Distanz gehalten werden, nur weil ich anders war. Manchmal sah ich im Fernsehen die Berichte über den CSD in Frankfurt. Frankfurt, eine Stunde entfernt, aber für mich unerreichbar. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass der auch für mich war, denn dort waren die „anderen Schwulen“. Die immer gleichen Fernsehbilder der schrillen, freizügigen und tuntigen Schwulen und die Reaktionen und Kommentare meines Umfelds verunsicherten mich. Was dort zu sehen war, was dazu gesagt wurde, war ganz anders, als ich mich wahrnahm. „Und außerdem sind das alles Pädophile“, hörte ich einmal.

Wenn ich kurz Mut fasste, mir überlegte, ob das doch auch eine Veranstaltung für Menschen wie mich war – was wäre, wenn mich dort jemand gesehen hätte?! Nein, das war keine Option.

Nach meiner HIV-Infektion, Mitte der 2010er Jahre, brach meine Welt zusammen. Ich wusste nicht mehr, wo oben oder unten war und die nächsten zwei Jahre war ich mir selbst noch fremder als jemals zuvor. Wer war ich überhaupt? Und das obwohl ich um die Therapien, Nichtübertragbarkeit und vieles wusste. Erst der Rückhalt durch meine jetzigen Freund*innen half mir, wieder den Boden unter den Füßen zu spüren. So einen Rückhalt hätte ich 1996 ebenfalls gebraucht.

Inzwischen hat sich vieles geändert. Ich habe mich verändert. 2018 war ich auf dem Berliner CSD, wie vorher schon auf vielen anderen CSDs. Bisher war ich nur für das abstrakte Politische und natürlich für die Solidarität mit anderen da. Aber 2018 lief ich bei der Demo mit – im Lederharness und Jock. Ich war gerade in einer Phase, in der ich mich sexuell neu fand, ausprobierte, Fetische und Kinks erkundete und mich selbst lieben lernte. Es war eine große, geile Party, ich traf eine Menge alte Bekannte sowie Freund*innen und lernte neue Menschen kennen. Den Rest des Abends lies ich mich über den CSD treiben. Und plötzlich verstand ich es. Plötzlich wusste ich, wofür der CSD da war – da sein soll, da sein MUSS! Der CSD ist die ultimative Demonstration unserer selbst. Wir sind da! Wir sind verschieden! Wir haben ein paar Kilometer Stadt für uns und unterliegen ausnahmsweise, wenn auch nur ganz kurz einmal nicht den Regeln dieser cis-heteronormativen Mehrheitsgesellschaft. Hier sind wir, die Schwulen, die Bisexuellen, die Lesben, cis, trans*- und intersexuelle Menschen, aromantisch, asexuell oder hypersexuell, mit und ohne Fetische, HIV positiv oder nicht. Hier sind alle Buchstaben aus LGBTQI* vertreten, und noch viele Buchstaben mehr. Eine große, bunte, vielfältige, individuelle und doch solidarische Community. Das ist es, was für mich den CSD ausmacht: Die Menschen auf der Straße zu sehen, mit ihnen zu demonstrieren, zu feiern und zu wissen, dass ich nicht allein bin. Niemand von uns ist das.

Dieses Jahr gehe ich wieder auf den CSD*. Ich gehe für mich, damit alte Wunden heilen können. Ich gehe aber auch für die, die wie ich früher nicht offen sagen können, wie sie lieben, begehren und welche Identität sie haben. Ich laufe mit und bin sichtbar, um zu zeigen, dass sie nicht allein sind.
*[Anmerkung: Der Text entstand zum CSD 2019 und dem 50. Jahrestag der Stonewall-Aufstände]

Wir sind, wie wir sind, und wir sind gut, so wie wir sind. Wir sind viele und wir gehen nicht weg. Und: Wir lassen uns unser Recht auf Selbstbestimmung von niemandem einschränken oder nehmen!

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