Dabei wollte ich doch eigentlich nur die Welt retten. Über Aids, mein Leben und andere Krankheiten.

04.12.2017 |
Björn Beck

Felix hat geschafft, was wenige Menschen vorher geschafft haben: die laute, schrille, freche Showtranse Rosa Opossum aus Darmstadt war sprachlos und offenkundig gerührt von der Geschichte des jungen Mannes.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an Felix, mit der Geschichte „Henrik“ outete er sich hier als HIV-Positiver. Nun hat er bei der sechstkleinsten Aids-Gala (s)eine Geschichte vorgelesen und das Publikum mit seinem Gesangstalent überrascht. Nicht nur Rosa war gerührt, auch im Publikum floss die eine oder andere Träne. Und obwohl es geradezu unentschuldbar ist, die sechstkleinste Aids-Gala verpasst zu haben, möchten wir euch den Vortrag von Felix nicht vorenthalten:

Heulend rannte Laura aus dem Krankenhauszimmer. Von drinnen konnte ich ihr Schluchzen hören. Dieses kreischende Schluchzen, das man macht, wenn man so richtig stark weinen muss. Wenn man vor lauter Tränen und Traurigkeit kaum noch zum Atmen kommt. Ich konnte hören, wie eine Frau sie zu beruhigen versuchte. Dann ging Papa zu ihr raus.

Meine andere Schwester – sie hatte sich vorsichtshalber mit Schmerzmitteln zugedröhnt – stand wie angewurzelt neben mir. Sie streichelte mir über das angewinkelte Bein, so wie man das gerne mal macht, wenn man ausdrücken will, dass man zwar gerade selbst keine Hoffnung hat, aber der andere unbedingt welche haben sollte. Dann brachte sie heraus, dass das ja alles nicht so schlimm sei. Mittlerweile sei das ja kein Todesurteil mehr. Kein Todesurteil nein, aber das ist doch nicht mein Anspruch. Ich wollte doch die Welt retten.

Heute denke ich größer als damals. Ich mache keine Politik weil ich ein bisschen was ein bisschen besser machen will. Mein Name ist Gutmensch und ja, ich will die fucking Welt retten.

Ich stand in Marburg, hatte gerade zwei Jahre im Landesvorstand der Grünen Jugend hinter mir. Hab noch große Reden geschwungen, über die innere Sicherheit und darüber, wie sinnbefreit ein Burka-Verbot ist. Darüber, dass wir den Klimaschutz weiter so engagiert voran bringen müssen. Und über Homo-Rechte und für ein diskriminierungsfreies Miteinander. Wurde dann aus meinem Amt verabschiedet und bin früher nach Hause gegangen. Ich musste immer wieder stark husten. Das war schon seit einigen Wochen so. Und jetzt, eine Woche später. „Das ist doch alles nicht so schlimm, das ist ja mittlerweile kein Todesurteil mehr.“

Ich wurde immer schwächer, während die paar Meter zur Toilette länger und länger wurden. Mir war häufig so, als könnten mich meine Beine nicht mehr tragen. Ich war schon immer wahnsinnig schlank und hatte in den letzten Wochen nochmal zehn Kilo eingebüßt. Häufig hatte ich hohes Fieber. Mir war schwindelig von den paar Metern. Ich musste am Krankenhausbett inne halten. Ich musste mit meinem Körper darum kämpfen, einen weiteren Schritt gehen zu können. Die Tür der Toilette ließ ich unverschlossen, ich befürchtete, dass ich sie nicht mehr aufbekommen würde. Ich musste mich immer wieder übergeben. Ich schämte mich vor den Krankenschwestern. Ich war so unfassbar hilflos. Ich konnte nicht aufstehen und mich ordentlich waschen. Ich hatte Angst vor engen, dunklen Dusche. Mir war, als würde ich ohnmächtig werden, wenn ich sie betreten hätte. Die Schwestern und meine Eltern wollten mir helfen. Ich wehrte mich. Seitdem ist mir klar, wie beschissen es ist, dass Würde ein Konjunktiv ist.

Ich lag noch im Krankenhaus, als ich in Abwesenheit zum Vorsitzenden der Grünen in meinem Kreis gewählt wurde. Ich hätte meine Kandidatur zurückziehen können, ich wusste schließlich nicht, wann ich wieder fit sein würde. Aber das habe ich nicht. Es gab mir das Gefühl, es gibt ein Leben nach dem ganzen Scheiß hier. Irgendwann bin ich nicht mehr hilflos, sondern werde vielleicht sogar gebraucht. Die Welt hat mir in die Eier getreten, aber ich stehe auf und mache weiter. Die Welt ist schließlich wie ein ängstliches Tier das in einer Falle sitzt. Sie wehrt sich, aber ich werde sie trotzdem retten.

Manchmal fuhr mein Vater mich mit einem Rollstuhl durch das Gebäude, das war anstrengend. Wo ich doch jetzt nicht mehr im Studentenwohnheim wohnte, wollte ich wieder häufiger zum Sport gehen. Und nun fiel ich angestrengt zurück ins Bett, weil mich das Nichtstun erschöpft hatte.

Fast die Hälfte meines dreiwöchigen Krankenhausaufenthaltes verbrachte ich in Isolation. Damit nahm die Zahl der Schwestern und Ärzte, die ich so zu Gesicht bekam, rapide ab. Mittlerweile glaube ich, dass die Zeit schinden wollten, an mich weder kostbare Arbeitszeit noch die teuren Medikamente verschwenden wollten. Weil sie mich bereits aufgegeben hatten.

Endlich durfte ich heim. Ich hatte einen Brief mitbekommen, darin stand auch, dass ich 99 CD4-Zellen hätte. Dr. Google meinte, dass das die Helferzellen wären, die für mein Immunsystem zuständig seien und dass 99 wahnsinnig wenig seien. Normalerweise hätte man um die 1200 Helferzellen. Unter 200 Helferzellen spreche man auch von Aids. Ein Besuch bei der Aidshilfe schuf am nächsten Tag Gewissheit: Ich hatte das Gebäude als HIV-Positiver betreten und sollte es als Aids-Kranker verlassen. Und die im Krankenhaus? Die meinten, dass meine Infektion wahrscheinlich noch frisch sei. Die haben mir keine Medikamente gegeben. Was wäre wohl gewesen, wenn ich den Brief nicht geöffnet hätte? Eigentlich sollte ich den ja nur mal irgendwann meinem Hausarzt geben. Was wäre gewesen, wenn ich tatsächlich erst nach vier Wochen wieder ins Krankenhaus gegangen wäre um langsam die HIV-Therapie zu beginnen? Die wussten wie schlecht meine Werte sind und haben mich trotzdem unwissend nach Hause geschickt. Was wäre passiert, wenn ich den Rat der Aidshilfe nicht befolgt hätte und nicht direkt am nächsten Tag bei einer kleinen Schwerpunktpraxis aufgetaucht wäre? Mein erster Test dort hatte noch 39 Helferzellen ergeben.

Der nimmt das mit viel Fassung. Das sah auch die Psychologin im Krankenhaus so, von der ich den Eindruck hatte, dass sie nur mein Suizid-Potenzial einschätzen sollte. Naja, so ein Selbstmord im Krankenhaus macht bestimmt wahnsinnig viel Schreibkram, das will ja keiner.

Besonders meine Eltern waren stinksauer. Sie glauben, dass ich den neuen Termin in der Klinik nicht mehr erlebt hätte. Sie malten sich aus, wie das wohl so ist, wenn man seinen eigenen Sohn zu Grabe tragen muss. Vier Mal besuchte ich die kleine Praxis, bevor ich erneut hätte in die Klinik gemusst hätte. Ich bin einfach nicht erschienen. Hab nicht abgesagt, die Klinik hat sich nicht mehr gemeldet. Schreibkram und so.

Heute mag das merkwürdig klingen, ich arbeite schließlich wieder und lebe auch sonst ganz normal, aber ich habe ein Video gemacht. Hab mir genau ausgemalt, wie meine Freunde, meine Familie es gemeinsam schauen, wenn mein kleines Herz den Abgang plant. Mit Bildern und dramatischer Musik. Ich wollte es zu meinem Testament legen. Am Ende des Videos sitze ich auf dem Boden vor meinem Sofa. In einem roten Weihnachtspullover. Und ich singe. Nicht besonders, aber sehr sehr ehrlich und damit vielleicht dann doch irgendwie besonders.

*singt*
„Ich will keine Trauerreden,
ich will keine Tränen sehen,
kein Chor der Halleluja singt.
Ich will, dass ihr feiert,
ich will das ihr tanzt
mit nem lächelnden Blick
und nem Drink in der Hand,
nem Heißluftballon auf dem riesengroß steht:
Das Leben ist schön, auch wenn es vergeht.
Und wenn ihr schon weint, dann bitte vor Glück,
dann bin ich da oben und sing mit euch mit.“

Eigentlich wollte ich hier aufhören zu lesen. Wäre ja auch nen guter Punkt zum Klatschen gewesen. Ihr hättet das Bild vom kleinen Felix im Kopf gehabt, der sich in seinem Weihnachtspullover Gedanken übers Sterben macht. Aber ein anderes Bild ist mir lieber.

Eigentlich total unspektakulär. Ich sitze auf der Terasse. Es war ziemlich warm an diesem Tag. Das ist jetzt etwa drei Monate her. Ich hatte ein T-Shirt mit Blumenmuster an. Hab ein Selfie auf Facebook gepostet. Nichts Besonderes eigentlich – eigentlich. Aber in meiner Hand hielt ich eine rote Aids-Schleife. Ich hab mich im Beitrag für die unfassbar positive Resonanz auf mein Outing als Aids-Kranker auf Facebook bedankt.

Sowas muss man da nicht posten. Aber ich wollte es. Ich wollte, dass alle auf meiner Freundesliste, jetzt mindestens einen kennen, der diese ominöse Krankheit wirklich hat. Und ich will, dass die wissen, dass ich damit gut leben kann. Die sollen an mich denken wenn sie das nächste Mal bei Bushido oder sonst wem mitsingen, wenn der von einem Aidsgesicht spricht. Die sollen sich an mich erinnern, wenn sie an Plakaten der Aidshilfen vorbei gehen. Die sollen merken, dass das näher an ihnen dran ist, als sie bislang glaubten. Für mich war immer klar, dass ich immer und überall offen mit meiner Homosexualität umgehe. Wie soll das denn schließlich normal werden, wenn ich es nicht einmal selbst normal behandle. Und genauso mach ich das auch mit meiner Erkrankung. Ich erwarte nicht, dass das alle so machen. Aber ich mach´s auch für die, die das selbst nicht können oder wollen.

Das ist wie mit der Politik. Warum opfere ich so viel Zeit dafür? Das muss man nicht verstehen, das ist eher auch so ein Weltretter-Ding.
Ich bin sicher kein gutes Vorbild. Will auch nicht den Moralapostel spielen. Bin ja auch nicht gerade vom Beten HIV positiv geworden. Hätte mich ja auch früher mal testen lassen können. Oder überhaupt mal. Aber jetzt ist es, wie es ist. Irgendjemand hatte das Risiko, mich zu infizieren, wahrscheinlich bewusst in Kauf genommen. Für Sex. Das ergibt doch keinen Sinn. Das ist so unfassbar banal. Für Sex wäre ich fast drauf gegangen.
Wenn ich es jetzt aber schaffe, bei ein paar Leuten die Vorbehalte gegenüber HIV positiven abzubauen, dann hab ich meiner eigenen Erkrankung doch noch einen tieferen Sinn gegeben.

Vorhin hab ich festgestellt, dass es gut kommt sich mit nem Lied zu verabschieden. Aber besser eins, mit ner andern Botschaft:

*singt*
„Muss nur noch kurz die Welt retten,
danach flieg ich zu dir
noch 148 Mails checken,
wer weiß was mir dann noch passiert,
denn es passiert so viel.
Muss nur noch kurz die Welt retten
und gleich danach bin ich wieder bei dir.“

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