Ein Hoch auf Dich! – Zum Tode von Bernd Aretz

01.11.2018 |
Björn Beck

Wie schreibt man einen Nachruf auf einen Mann, für den nun viele Nachrufe geschrieben werden? Nachrufe, die von Menschen geschrieben werden, die ihm im Wirken viel näher und ebenbürtiger waren. Menschen, die sein Wirken viel besser beschreiben können, weil sie ihn viel länger kannten?

Bernd Aretz, Rechtsanwalt, Notar, Schwulen- und Aids-Aktivist, Autor, Kunstschaffender, Intellektueller, bürgerlich autonome Tunte, Lederkerl, Hundeliebhaber, Apfelweinkenner, Vorstand und schließlich Ehrenmitglied der Deutschen Aidshilfe.

„Die Lebensreise, als organisierte Reise, oder als sinnvolle Reise, ist nur von hinten aus so zu betrachten“, sagte Roger Willemsen einmal. „Man könnte jedes Leben, komplett, auf völlig unterschiedliche Weisen erzählen.“

Also erzähle ich hier (m)eine Geschichte mit Bernd.

Bernd und mich verbinden einige Dinge, aber der offensichtliche rote Faden war sicherlich die Vorliebe für guten Apfelwein. Fast immer, wenn wir uns sahen, war Apfelwein im Spiel. Bernd gehörte noch zu den Menschen, die ihren persönlichen Schobbedeckel immer dabei hatten. Dass Bernd eine ganze Sammlung davon hatte, erfuhr ich erst später, als er sie mir vererbte.

Ich habe Bernd erst spät kennengelernt und ich spürte, dass ein reger Geist im Körper eines alternden Mannes steckte und er nicht mehr so konnte, wie er es gewohnt war und sicher auch wie andere es von ihm gewohnt waren. Mit einem Leuchten in den Augen erzählte Bernd von den Aktionen, die er mit anderen so getrieben hat. Wie sie die Mitgliederversammlung der Deutschen Aidshilfe aufgemischt haben, wie er Damen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung genüsslich Details aus seinem Sexleben mit Strichern erzählte und sich über ihre verschreckten Blicke amüsierte.

Unsere Begegnungen waren, mit Ausnahme der letzten, häufig sehr ähnlich. Ich packte mir eine gute (!) Flasche Apfelwein ein, setzte mich auf mein Rad und fuhr zu ihm nach Offenbach. Als Frankfurter ist das ja immer eine Überwindung, aber ich war froh, dass uns quasi nur der Main trennte und ich so schnell und oft bei ihm sein konnte. Im zwölften Stock stieg ich aus dem Fahrtstuhl und Bernd empfing mich mit seinem ganz eigenen, süffisanten Lächeln, das manchmal auch ein hämisches Grinsen sein konnte – als hätte er gerade wieder etwas ausgeheckt.

Dann saßen wir an seinem alten Esstisch umgeben von Büchern, Kunstgegenständen, Bildern, Zeitungen, Gerümpel, Notizen, einem Topf Gras mit der Aufschrift „GLÜCK aus Erdbeeren – purer Genuss“ und allerlei Zeugs. Der Tisch war eigentlich immer voll. Und so sprachen wir miteinander, stundenlang. Über die Aidshilfen, über die Schwulen, über Sex, über die Liebe, über Bücher, über den Tod und wieder über Sex, über Menschen und alles was zwei schwule Männer so interessiert und bewegt. Ohne diese Gespräche mit Bernd könnte ich wohl mit meiner eigenen Infektion lange nicht so selbstbewusst umgehen und das obwohl ich erst 26 Jahre nach ihm meine Diagnose erhielt. 1984 war es ein Todesurteil, aber Bernd lebte sein Leben nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert“ einfach weiter. Und das gab mir Kraft. „Wenn man im Angesicht des Todes selbstbewusst und vor allem selbstbestimmt mit HIV leben konnte, dann darf HIV heute mein Leben nicht dominieren!“, sagte ich mir.

Aus Bernds Erzählungen lernte ich unfassbar viel über die Geschichte von Aids, Aidshilfe, schwuler Emanzipation und Selbstbestimmung und was das alles so mit uns macht – und was wir daraus machen können. Bei alledem war Bernd nicht einfach ein Zeitzeuge, er war mittendrin, Aktivist und Mitgestalter. Und Bernd war immer unnachgiebig. Er war klug, behielt den Überblick und ließ sich von seinen Überzeugungen nicht abbringen.

Er war nicht nur ein großer Erzähler mit vielen, vielen Geschichten, er hörte auch gern zu und freute sich an den Dingen, die ich zu berichten hatte und kommentierte süffisant. Wenn ich ihm von irgendwelchen sexuellen Abenteuern erzähle, grinste er ganz breit und in seinen Augen funkelte es: „Du bist schon ein Schwein – mach weiter so!“ Seine Reaktionen waren immer eindeutig, ehrlich aber auch herzlich – das schätzte ich ganz besonders.

Wenn sich der leckere Goldparmäne schon langsam dem Ende zuneigte, sprach Bernd auch zunehmend über seinen Abschied und seinen materiellen und ideellen Nachlass. Er schenkte Menschen Dinge, die er über die Jahre angesammelt hatte und von denen er glaubte, dass die Menschen sich darüber freuten. So kam ich zu den Schobbedeckelscher – und ich freute mich riesig.

Bernd ist es gelungen Menschen zu berühren, sie mit seiner Aufmerksamkeit und seinem Erfahrungsschatz zu beschenken und so eine Beziehung aufzubauen. Der Apfelwein ist oberflächlich unsere Verbindung, darunter liegen viel mehr Gemeinsamkeiten: Sammelleidenschaften und Schrulligkeit, Bücher und Gedanken, dieser Untermieter HIV und der Umgang damit. Bernd hat mein Leben an vielen Punkten berührt und beschenkt. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und wenn ich lese, wie viele Anerkennung und Dankbarkeit jetzt für sein Leben und Wirken ausdrücken, macht mich das glücklich und zugleich traurig, denn er wird vielen, vielen Menschen fehlen, deren Leben er ebenso berührt und bereichert hat.

Gerade noch hast Du unsere Kampagne „LGBT* – Life gets better together“ zur Begleitung der Landtagswahl unterstützt und hast auch selbst noch – vorausahnend – gewählt. 

„Ich bin am Ende meines Lebens angekommen, und meine Zukunft versauen diese Braunen nicht mehr. Lasst Euch Eure Zukunft nicht kaputtmachen und trefft deshalb kluge Entscheidungen!“ – das war deine Botschaft – in gewohnt direkter Art. Du warst immer pointiert und humorvoll, aber auch unnachgiebig.

Lieber Bernd, Du bist ein Freund und ein Vorbild und bei jedem Glas Apfelwein denke ich an Dich. Ein Hoch auf Dich!

Dein Björn

Am Dienstag, den 23. Oktober 2018 starb Bernd Aretz im Alter von 70 Jahren. Bernd war Rechtsanwalt, Notar, Schwulen- und Aids-Aktivist, Vorstand und Ehrenmitglied der Deutschen Aidshilfe.

Wer sich von Bernd verabschieden will, kann dies tun am

Freitag, 2. November 2018, um 14 Uhr,
in der Alten Nikolaikirche, Römerberg 11, 60311 Frankfurt am Main.

Im Anschluss lädt die AIDS-Hilfe Frankfurt zum Trauercafé im Switchboard, Alte Gasse 36, 60313 Frankfurt am Main ein.

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