Sexismus und „Wir“ – ein Beitrag zum Frauen*kampftag

08.03.2016 |
Tarek Shukrallah

Ein selbstkritischer Beitrag zum Weltfrauen*kampftag.

Warum schwuler Sexismus auch einfach nur Sexismus ist.

Warum du einer Frau nicht einfach so an die Brust fassen darfst, nur weil du nicht mit ihr schlafen willst.

Es ist nicht okay, ununterbrochen zu verdeutlichen wie ekelig du Vulven findest.

Vor einiger Zeit kursierte ein Video auf dem zu sehen ist, wie schwule Männer zum ersten Mal eine Vagina anfassen – und darauf reagieren. Soweit – so gut. Es mag inzwischen stimmen, dass viele von uns keinerlei Erfahrungen mit dem Gegengeschlecht gesammelt haben, ein frühes Coming-Out ihnen mögliche Frustrationserfahrungen erspart hat. Es stört mich auch kaum die Tatsache selbst, dass sich Geschlechtsorgane merkwürdig anfühlen können. Was mich stört ist jedoch die Art und Weise, in der weibliche Genitalien von schwulen Männern hier verlacht und lächerlich gemacht werden. Vom Kreischen und Augen zuhalten bis zu Kommentaren wie „Kannst du da unten Snacks aufbewahren?“ werden hier (die sichtbaren Teile) weiblicher Geschlechtsorgane als etwas ablehnenswertes und ekelerregendes, oder eben etwas lustiges präsentiert. Während ich mir das Video zu Gemüt geführt habe dachte ich zwischendurch wohlwollender denken zu müssen. Mir ist natürlich bewusst, dass die eingangs erwähnte Frustrationserfahrung sich nicht in gelebter bzw. ausgelebter Sexualität mit dem Gegengeschlecht erschöpft – sondern schon da anfängt, wo man merkt, dass man, anders als sein Umfeld, keine Attraktion für Frauen empfindet. Die daraus resultierende Ablehnung weiblicher Geschlechtsmerkmale bei gleichzeitiger Aufwertung der eigenen schwulen Lust mag also ein einfacher und verständlicher aber dennoch höchst bedauernswerter Abgrenzungsprozess sein. Ich würde mich auch sicher nicht daran aufhalten, wenn mir nicht gleichzeitig sehr bewusst wäre, wie viele schwule Männer jeden Tag Sexismus reproduzieren. In der eigenen Blubberblase glauben wir doch manchmal gefeit zu sein vor Fragen, denen sich heterosexuelle Männer stellen müssen. Doch würde es uns sicherlich manchmal ganz gut tun, genau das zu versuchen. Das Problem ist, dass die Struktur schwuler Ablehnung von Weiblichkeit sich gar nicht so sehr von der der Heteros unterscheidet. Beiden gemein ist die Relativierung weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung.

Machen wir ein praktisches Beispiel: Wer kennt es nicht? Es ist Wochenende und man geht mit seiner schwulen Peergroup feiern. Mit dabei ist immer auch mindestens eine beste Freundin (auch GABI genannt). Sie ist Single, humorvoll und unterstützt dich in allen Lebenslagen. Und weil das so ist, fasst du ihr irgendwann zwischendurch beherzt an die Brüste.

„Ich bin schwul, ich darf das!“.

Nee darfste nicht. Die bloße Tatsache, dass du Frauen nicht sexuell erregend findest berechtigt dich noch lange nicht zur Übergriffigkeit. Feministinnen weisen immer wieder darauf hin, dass sich Sexismus nicht nur darin manifestiert, wie Männer mit Frauen schlafen. Es geht um so viel mehr. Es geht um die Frage, inwiefern Frauen als eigenständige Subjekte anerkannt sind. Inwiefern also eine Frau* mit ihrem Willen und ihrem Körper ernstgenommen wird. Wenn ich also, weil ich schwul bin, einer Frau einfach so an die Brust gehe, verkenne ich, dass ich als Mann nicht das Recht habe gegen Frauen übergriffig zu sein. Ich versuche in diesem „Grabsch-Moment“, von einem Machtverhältnis Gebrauch zu machen und es gleichzeitig zu verschleiern. Ich stelle Weiblichkeit zur Schau, mache die Frau zu einem Objekt, und tu so als sei ich vor jedem Patriarchatsvorwurf gefeit.

Schwuler Sexismus ist eben auch nur Sexismus.

Fang endlich an zu reflektieren, warum du als Mann Privilegien hast, die Frauen nicht haben. Das kann doch nicht so schwer sein. Und wenn es dir doch nicht gelingt, google „Sexismus“ oder frag mal eine Freundin nach ihrem Alltag.

Heute ist Welt-Frauen*kampftag. Eine Chance damit anzufangen.

Eure Beiträge:

Kommentar Verfassen