„In der Realität ist es doch bitteschön wesentlich konsensueller“

08.12.2017 |
Gast-Autor_in

Über Bondage, Konsensualität und die Verbindung, die zwischen Menschen entstehen kann, wenn sie auf Augenhöhe lustvolle Momente mit einander erleben.

Am 13.12.2017 um 20 Uhr findet im Trauma ein Bondage-Workshop mit der Hamburger Tunte James Bonne D‘Age statt. Wir haben vorab mit ihr gesprochen.

von Tamara Keuer

Tamara: Wie bist du überhaupt selbst zum Bondage gekommen?

James: Als ich Sexualität für mich entdeckte, war das für mich wie Candyland. Ich hatte den absoluten Luxus, sehr aufgeschlossene Menschen um mich herum zu haben, mit denen ich mich austauschen und mich ausprobieren konnte. Und da war halt auch Bondage bei.

T: Klingt entspannt und so als konntest du sehr offen damit umgehen. Wer weiß denn von deiner Leidenschaft?

J: Außer auf der Arbeit gibt es tatsächlich keine einzige Person in meinem näheren Umfeld, die nicht weiß, was ich tue. Als ich in die BDSM-Szene ging, war ich sehr jung und hab noch zuhause gelebt. Ich habe selber mitbekommen, dass Eltern ihre Kinder vor die Tür setzen, wenn sie eine Gerte oder so etwas finden. Da habe ich beschlossen, dass ich keine Lust darauf habe, meine Mom anzulügen. Ich wollte mich auch nicht rechtfertigen müssen, wenn ich – ich sag jetzt mal klischeebehaftet – lackiert aus dem Haus gehe. Ich hab dann ein Rundum-Outing gemacht – das ging relativ schnell und war sehr unkompliziert. Ich hatte scheiß viel Glück, was das angeht.

T: Wie kann Menschen mit weniger Glück dieser Schritt erleichtert werden?

J: Es gibt zum Beispiel den gemeinnützigen Verein SMJG für Jugendliche zwischen 16 und 27 Jahren, der Stammtische in allen großen Städten organisiert. Das ist eine tolle Plattform für junge Erwachsene, die sich beispielsweise fragen, ob sie alleine mit ihrer Neigung oder vielleicht auch „unnormal“ sind. Dort bekommen sie Hilfe und die Möglichkeit, gleichgesinnte und gleichzeitig gleichaltrige Menschen kennenzulernen. Das ist ein wundervoll vorurteilsfreier und nicht per se Hetero-Ort, was ich auch ganz wichtig finde. Geschlechterpräferenzen spielen dort weniger eine Rolle als die gemeinsame sexuelle Orientierung in Bezug auf Praktiken. Ich bin total froh, dass ich da früher hereingestolpert bin und die Möglichkeit hatte, in einem sehr geschützten Rahmen Leute zu finden, mit denen ich Dinge ausprobieren konnte.

T: Was ist so geil am Fesseln, dass du dich dafür entschieden hast, andere dafür zu begeistern?

J: Das sind zwei Fragen (lacht). Was ich selbst so daran schätze ist die Verbindung, die dabei zwischen Menschen entsteht. Das Schöne daran ist dieses Vertrauen, was nicht nur die Person mir entgegenbringt, mit der ich gerade fessel, was ich der Person auch selbst entgegenbringe –  es ist immer ein Miteinander, da ich mich ja auch darauf verlassen können muss, dass die Person mir Bescheid sagt, wenn irgendetwas ist und mir ehrlich antwortet.

Dieses Vertrauen schätze ich auch total in meinen Workshops. Dass ich Dinge weitergeben kann, die mich begeistern, die Leute nach Hause gehen und dem Ganzen wie bei jeder Kunstform oder Spielart eine persönliche Note verleihen können. Denn es ist ja nicht in Stein gemeißelt, es immer so und so machen zu müssen.

T: Wie reagieren die Teilnehmer*innen in deinen Workshops?

J: Meine Erfahrung zeigt, dass es, sobald ich den Raum betrete, unfassbar still wird. Ich führe dann etwas vor und erzähle, während die meisten Menschen am äußersten Rand des Raumes stehen. Am Ende ist es dann so laut, dass ich selber nichts mehr sagen kann, weil alle durcheinander reden. Es ist total faszinierend zu sehen, wenn der Funke überspringt.

T: Worauf gilt es zu achten, um die Gefahren beim Bondage zu vermeiden?

J: SSC – Safe Sane Consensual ist dabei enorm wichtig. Gleichzeitig ist es einfach unmöglich, es komplett safe zu machen, da man nicht alle Risiken einberechnen kann. Das sag ich auch immer beim Workshop: Wenn ihr neue Sachen ausprobiert, könnt ihr gar nicht wissen, wie euer Körper darauf reagiert. Dafür ist es natürlich wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, was schieflaufen könnte und so das Risiko so weit wie möglich einzuschränken – wie etwa Schneidewerkzeug parat zu haben. Und: Reden, reden, reden. Gerade am Anfang sollte man sehr bewusst handeln und zwischendurch schauen: Wie geht es dir damit, wie fühlt es sich an, ist es zu fest, wie geht es deinen Händen?

T: Einige Studien und Erfahrungen zeigen, dass beim Hetenspiel meistens Frauen den submissiven Part einnehmen. Spielt Bondage so dem Patriarchat in die Hände?

J: Ähm, wie viel Zeit hast du? (lacht) Ich kann nicht abstreiten, dass sich daran aufdröseln lässt, was wir zum Teil für Geschlechlechterungleichheiten haben. Allerdings finde ich es sehr schade, allein eine gesellschaftliche Begründung darin zu sehen, wenn Frauen submissiv sein möchten. Es dadurch auch ein Stück weit zu stigmatisieren. Ich bin eine große Freundin dessen, dass alle so schlampig, verspielt, lustvoll und geil sein dürfen und bitte auch sollen, wenn sie das möchten. Ich finde es ganz wichtig hervorzuheben, dass es eine selbstbestimmte weibliche Sexualität gibt, egal, in welcher Form sie sich darstellt. Wer sind wir denn, dass wir Frauen* eine selbstbestimmte Sexualität absprechen, nur weil wir der Meinung sind, dass sie dadurch patriarchale Strukturen unterstützen. Und hey, eines der ersten BDSM-Aufklärungsbücher überhaupt kam aus einer lesbischen Subkultur!

T: Wo wir gerade so ein bisschen bei Vorurteilen sind. Welches davon begegnet dir am Häufigsten?

J: (überlegt) Fifty Shades of Grey. Dazu werde ich schon oft gefragt. Das ärgert mich, weil da einfach viel zu viel Mist drin ist. Abgesehen davon, dass ich es an vielen Stellen hart übergriffig finde, könnte ich einen eigenen Workshop dazu geben, wie man diesen Dreck dekonstruiert, weil es absolut fernab von dem ist, wie es wirklich ist. Ich bin damals auf die Bitte einer Freundin mit in diesen Film gegangen und mir war im Saal abwechselnd nach Leinwand anbrüllen, Tränen lachen und komplett verzweifeln. Weil ich mir dachte: „Nein, so ist es einfach nicht!“,  in der Realität ist es doch bitteschön wesentlich konsensueller!

T: Sind denn Bondage-Pornos hilfreich, um Vorurteile abzubauen?

J: Tragen Pornos allgemein dazu bei, Vorurteile abzubauen? Pauschale Antwort: Nein.

T: Hast du zum Schluss noch Ratschläge, wie man es der/dem Partner*in beibringen kann, wenn man auf BDSM steht?

J: In diese Bredouille kam ich persönlich nie, die einzige Ansage bisher war, dass ich nicht monogam lebe (lacht). Ich würde die Person glaube ich fragen, was sie eigentlich mag oder gerne mal ausprobieren würde. Im Normalfall kommt ja dann auch direkt die Gegenfrage (lacht). Menschen reden viel zu wenig über die eigene Sexualität und die Sexualität in ihren Beziehungen. So wie sich Menschen über Verhütung unterhalten sollten, sollten sie sich auch darüber unterhalten, was sie gut finden und was nicht. Und da sind wir auch schon wieder beim Konsens.

Infos zum Workshop findest du hier und hier.
eine verbindliche Anmeldung bis zum 11. Dezember via tickets@hessen-ist-geil.de ist notwendig.

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