Nachlese zur Konferenz „jung. Queer. Glücklich?! Lebenswirklichkeiten queerer Jugendlicher in Deutschland“ im Bundestag

20.03.2016 |
Tarek Shukrallah

„Jung, queer, glücklich?! Wie fühlen sich queere Jugendliche im Jahr 2016 in Deutschland? Wie leben sie? Wie viel Vielfalt erlaubt unsere Gesellschaft? Wie erleben Jugendliche heute ihr Coming-Out? Braucht es dazu überhaupt noch Mut?“ Ließ die Einleitung zur Ausschreibung der am 18. März im Paul Löbe Haus stattgefundenen Konferenz der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen verlauten. Einen ganzen Tag lang beschäftigten sich etwa 100 Vertreter_innen der LSBT*IQ-Community auf Grundlage der im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie „Coming-out – und dann…?!“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) mit Fragen rund um die Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*. Das Konzept der Veranstaltung war eine Mischung aus Information, Debatte, und der Formulierung von Forderungen an die Bundestagsfraktion der Grünen zur Umsetzung im Parlament und in der allgemeinen politischen Arbeit.

Die Vorstellung der Studie durch Dr. Claudia Krell und Kerstin Oldemeier vom DJI machte dabei offenbar, dass sich zwar auf der Ebene der politischen Angleichung les-bi-schwuler Lebensweisen an die heterosexuelle Gesellschaft einiges getan hat, dabei aber zentrale Fragestellungen die Gleichen geblieben sind. Nach wie vor sind Coming-Out-Prozesse maßgeblich geprägt durch Vermeidungsstrategien, Informationskontrolle, Relativierungen und Bagatellisierungen. Beschimpfungen, Beleidigungen und körperliche Gewalt sowie das nicht-Erstnehmen der sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität ist auch 2015/2016 noch gelebter Alltag der Community. Themen, die wir und andere Organisationen immer wieder aufgreifen und bemängeln.

Dass hier schon lange erheblicher Handlungsbedarf herrscht ist unlängst bekannt und kein Geheimnis. Es braucht starke, selbstbestimmte Strukturen, und das auch fernab der etablierten Epizentren. Insbesondere dort, wo LSBT*I Jugendliche und junge Erwachsene abgehängt sind – ob nun auf dem Land, oder in der Kleinstadt; ob im konservativen oder prekarisierten Milieu – ist die Sichtbarkeit von Lobbyorganisationen und Schutzräumen kaum bis gar nicht gegeben, wenngleich sie so notwendig wäre. Es braucht eine Politik, die nicht mit finanziellen Mitteln Minderheiten und ihre Interessensvertreter_innen gegeneinander ausspielt, sondern gezielt und niedrigschwellig eine echte Unterstützung für existierende und entstehende Strukturen bietet.

Während der Debatten wurde deutlich, dass es eine stärkere Differenziertheit in der Auseinandersetzung benötigt. Das Alltagserleben, die Fremdheitserfahrung und die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Intersexuellen lässt sich nicht einfach verallgemeinern und unter dem Arbeitstitel „Queer“ subsummieren. Unabhängig davon, dass bei dieser Begriffsverwendung ein politischer Begriff vereinnahmt wird, verwischt sie auch die Realität und Unterschiedlichkeit der Menschen in unserer Community. Empowermentstrategien müssen die spezifischen Fragestellungen der jeweiligen Minderheiten aufgreifen, und nicht als allgemeine Regenbogenfragen bagatellisieren. Gleichzeitig wurde dennoch die Wichtigkeit des Schulterschlusses innerhalb der Community betont. Ebenso wenig, wie spezifische Problematiken verallgemeinert werden dürfen, dürfen wir uns gegeneinander ausspielen lassen.

Glücklicherweise waren die Workshop-Paneels der Veranstaltung durchaus differenziert strukturiert. Neben dem Austausch über Unterstützungsangebote für queere Jugendliche ging es in anderen Paneels um das Coming-Out von lesbischen Mädchen, das Erleben von Queers mit Migrationsgeschichte und die Lebenssituation junger trans*-Menschen. Ebenfalls begrüßenswert: Alle Referent_innen waren Menschen aus der vor-Ort-Arbeit, quer durch die Bundesrepublik Deutschland. Es wäre wünschenswert, wenn diese Form der Förderung von, und Zusammenarbeit mit Peers Normalität wäre – nicht immer nur über – sondern immer nur mit uns gesprochen würde.

Kritik an der Studie wie auch an der Veranstaltung kam, neben den Forderungen nach einer differenzierteren Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Diskriminierungsformen, insbesondere von Lucie Veith, vom Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. Sie bemängelte, dass das Leben und Erleben von Intersexuellen Jugendlichen und jungen Erwachsenen weder in der Studie, noch in der Veranstaltung eine Rolle gespielt hat, und diese Gruppe somit weiterhin unsichtbar gemacht werde.

Es würde sich sicherlich auch lohnen, kritisch zu betrachten warum bei einer Veranstaltung, die sich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen auseinandersetzen soll, fast ausschließlich Personen teilgenommen haben die fernab dieser Lebenswelten und Altersgruppen sind.

Insgesamt bleibt zu hoffen, dass die Erkenntnisse aus der Studie und der Konferenz zu weiterer Forschung anregen, und dass selbstbestimmte Strukturen in ihrer Arbeit eines Tages nicht mehr von der Frage bestimmt werden, ob ein innovatives und dringend benötigtes Konzept umgesetzt werden kann, weil die Mittel knapp sind – oder Mitarbeiter_innen überhaupt weiterhin getragen werden können.

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