Rede: Mein Kampf um Befreiung heißt Emanzipation

31.08.2015 |
Tarek Shukrallah

Meine Tunte Dora Dyna’maid und ich, wir haben beim CSD Mittelhessen eine Rede gehalten. Ich danke allen Freunden und Fremden für eure Aufmerksamkeit, Anwesenheit und euren Support! Für alle die, die sie gehört haben und noch einmal nachlesen wollen, aber auch für die, die den CSD verpasst haben oder (böse!) mir nicht ganz zugehört haben: Hier die Rede im Wortlaut zum Nachlesen…

Liebe Freund_innen und Mitstreiter_innen,

ich habe mich nicht nur aufgefummelt, damit die Presse schöne Bilder machen und den immer wiederkehrenden Text darüber schreiben kann, wie bunt und schrill wir sind. Ich habe mich aufgefummelt, weil wir in einer Welt leben in der sich privilegierte Minderheiten das Recht nehmen zu definieren, was normal sein soll. Ich habe mich aufgefummelt, weil ich in einer Gesellschaft lebe, in der aufgrund von Geschlechterbildern und Lebensentwürfen, aufgrund von sexueller Orientierung, Geschlecht und Hautfarbe Menschen diskriminiert werden. Und weil das so ist, setzte ich dem etwas entgegen: Schrill, Bunt und Laut.

Der Christopher Street Day steht in einer besonderen Tradition. Es geht um Emanzipation, um Freiheit – und um Widerstand. Die Emanzipation von einer Norm in die ich nicht reinpasse, in die ich mich auch gar nicht einpassen will! Die Freiheit, mich (so) zu geben, wie ich es für richtig halte, und nicht wie jemand anderes. Der Widerstand gegen Rassismus, Sexismus, Trans* und Homonegativität, und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Es gibt eine Grundannahme, die nun wirklich keiner anzweifelt: Wir sind alle Menschen. Dafür muss ich nicht kämpfen. Denn eines sehe ich dieser Tage, wenn ich in die Zeitung schaue, ganz deutlich: Das Menschsein hindert die Menschen nicht daran, Menschen zu töten. Das Menschsein hindert die Menschen nicht daran, Wohnheime für Geflüchtete anzuzünden, das Menschsein hindert den Menschen auch nicht daran, andere Menschen zu diskriminieren, zu verfolgen, zu versklaven oder auch zu vernichten.

Das Problem ist nicht, dass wir am Ende doch alle schon irgendwie gleich sind. Die Gesellschaft hat ein Problem damit, dass wir verschieden sind. Und weil wir verschieden sind gibt es Diskriminierung.

Es muss aber darum gehen, Unterschiede leben zu können. Es geht um die Freiheit, dass Verschiedenheit sichtbar und spürbar werden darf – auch in der Öffentlichkeit. Wenn ich also dieser Tage Nachrichten lese, in den Social Media unterwegs bin oder sonst wo – sehe ich Menschen, die Hass schüren: Sogenannte Besorgte Eltern, die gegen sexuelle Verschiedenheit demonstrieren, die nicht wollen, dass in Schulen Kinder damit aufwachsen, dass Schwule, Lesben, Trans* und Inter-Menschen ein selbstverständlicher Teil dieser Welt sind. Ich sehe Menschen die Hass schüren gegenüber Geflüchteten und Personen mit möglichem Migrationshintergrund, die dämliche Vorurteile reproduzieren und sogar so weit gehen Wohnheime für Geflüchtete anzuzünden. Dagegen müssen wir kämpfen.

Der Kampf für und um unsere Emanzipation muss auch immer ein Kampf für die Schwächsten in unserer Gesellschaft sein. Wir leben in einem Land, das Milliarden daran verdient, Waffen in Kriegsgebiete zu exportieren. Wir leben in einem Land, das mitverantwortlich ist für die Kriege in dieser Welt. Wir leben in einem Land, das gut daran verdient, dass Menschen ausgebeutet werden und an ihren Lebensumständen zugrunde gehen. Wir leben mit Menschen in einem Land, die gegen Menschen auf die Straße gehen, die vor den Folgen eben dieser Politik geflohen sind.

Wie kann es sein, dass 70 Jahre nach den Verbrechen der Nazis wieder fast täglich Wohnheime für Geflüchtete brennen? Wie kann es sein, dass Menschen sich erdreisten, Geflüchtete als „Asylverbrecher“ oder „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu verunglimpfen? Wer geflüchtete Menschen beleidigt, angreift, oder gegen sie demonstriert ist ein Rassist und ein Arschloch. Wer sich gegen Geflüchtete stellt, muss mit unserer Gegenwehr rechnen. Refugees Welcome!

Und unser Kampf um die Selbstbestimmung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Trans* und Inter – um unsere Selbstbestimmung und Freiheit – ist ein Kampf gegen die Unterdrückung durch andere. Der Einsatz für unsere Rechte lässt sich nicht vom Einsatz für die Rechte aller Menschen trennen. Rassismus aus schwulem Munde setze ich daher genauso etwas entgegen wie selbsternannten „besorgte Eltern“ oder homophoben Nazis!

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir sein können, was wir sein wollen. Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen nicht mehr für das was sie sind diskriminiert werden können. Deshalb geht es mir auch nicht darum, in meiner Andersartigkeit toleriert oder akzeptiert zu werden. Um es mit Adornos Worten zu sagen: „Es geht um ein gesellschaftliches Miteinander, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

Kein Mensch hat das Recht, darüber zu urteilen wie Anderssein okay ist oder nicht. Kein Mensch hat das Recht, mir zu schaden, weil ich anders bin als er oder sie selbst. Kein Mensch hat das Recht, mir das Gefühl zu geben, mich in der Öffentlichkeit verstecken zu müssen.

Verschließt nicht Eure Augen vor dem, was um uns herum passiert. Wir kämpfen nicht nur für UNSERE Freiheit, ohne Angst unsere Anderssein leben zu dürfen: Und deshalb, liebe Freund_innen und Mitstreiter_innen, liebe Queers und Rebellen, deshalb sind wir eine Emanzipationsbewegung. Kämpfen wir gemeinsam gegen veraltete Rollenbilder und Menschen die sich für wertvoller halten als andere. Kämpfen wir diesen Kampf für uns und für andere, die weniger privilegiert sind als wir. Kämpfen wir gemeinsam für eine Welt, in der wir sein können was wir sind – für eine Welt in der wir sein können was wir sein wollen.

Indem wir jedes Jahr zum Christopher Street Day auf die Straße gehen, machen wir uns sichtbar. Wir machen sichtbar, dass es uns gibt, ganz egal ob in Gießen, New York, Berlin, Moskau, Buenos Aires, Johannesburg, Peking – ob in Mitteleuropa oder in Ländern wie Uganda, Russland oder Syrien. Wir machen sichtbar, dass wir viele sind, dass wir überall sind, dass wir uns nicht ignorieren, nicht unterdrücken, und nicht mundtot machen lassen.

Seid sichtbar, nicht nur heute, seid es jeden Tag. Schließt euch zusammen, und zeigt denen, die uns bekämpfen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.

Dankeschön.

 

Update vom 02.09.2015:
Den Redebeitrag von Dora Dyna’maid gibt es auf der Seite des Vereins Margays e.V. nun auch zum Anhören. Außerdem findet ihr einen kurzen Bericht und einige Bilder. Viel Spaß damit!

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