Rosa Oppossum: „Wir können auch anders!“

17.08.2015 |
Björn Beck

Wir haben Euch ein Interview mit Rosa Opossum zum Motto des CSD Darmstadt angekündigt. Ihre Rede hat alle Fragen beantwortet, so haben wir uns entschieden sie hier zu veröffentlichen:

„Der CSD in Darmstadt ist wirklich mein Lieblingstag im Jahr. Es verschlägt mir jedes mal aufs Neue den Atem, wenn ich de Demo sehe und bei der Kundgebung in so viele aufmerksame Gesichter schauen darf. Man hat wirklich das Gefühl etwas zu bewegen! <3

Hallo meine lieben Freund_innen

Ich begrüße euch zum Christopher Street Day 2015 in Darmstadt! Toll, dass ihr alle da seid!

Ich habe heute Menschen getroffen die aus Darmstadt und Umgebung kommen, Menschen aus Frankfurt, Mannheim, Mainz, Wiesbaden, Aschaffenburg, Gießen, Marburg, München, Karlsruhe und sogar aus der Schweiz und den Niederlanden! Ein Wahnsinn! Willkommen!

Das Motto des diesjährigen CSD lautet „Wir können auch anders!“
Keine Frage, dass dieses Motto auf zwei Weisen zu verstehen ist.

Zum einen sagen wir mit dieser Veranstaltung heute, dass wir Vielfalt und Anders-Sein, als etwas Positives sehen. Wir wollen und können auch eine Gesellschaft sein, in der Menschen verschieden sein dürfen und ohne Diskriminierung zusammen leben.
Vielfalt und Verschieden-Sein ist für die einen leichter und fällt anderen schwerer. Vielfalt und Akzeptanz vom Anders-Sein der Mitmenschen ist manchmal sogar eine echte Herausforderung. Heute, an diesem Tag möchte ich euch alle aufrufen, diese Herausforderung anzunehmen!

Niemand kann sich dazu entschließen, homo, bi, trans* zu sein. Aber man kann sich entschließen, zusammen für gleiche Rechte zu kämpfen.

Kein Baby kann sich dazu entschließen, intersexuell geboren zu werden. Aber wir können uns dazu entschließen, gemeinsam gegen die Zwangsoperationen an Säuglingen und für die Anerkennung eines Geschlechts jenseits von männlich und weiblich zu demonstrieren.

Kein Mensch kann sich für sich entscheiden,  wo er geboren wurde, welche Hautfarbe er hat, welcher Minderheit er angehört. Aber wir können uns dazu entschließen, offen für andere zu sein, aufeinander zuzugehen und diese Stadt, dieses Land und diese Welt zu einem Ort für alle Menschen zu machen.
Laut dem aktuellsten Bericht der UNO sind derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten überschreiten noch nicht mal die Staatsgrenzen, viele verdursten in der Wüste oder ertrinken im Meer. Nur wenige schaffen es bis nach Europa. Trotz aller Widrigkeiten ist in den letzten Monaten spürbar, dass vergleichsweise mehr Flüchtlinge als sonst nach Deutschland kommen. Menschen die durch Kriege alles verloren haben oder auch Menschen die für das was sie sind verfolgt werden. Einige Städte und Gemeinden sind mit der Unterbringung, die oft sehr spontan organisiert werden muss, ebenso wie mit der Versorgung der Flüchtlinge und Asylsuchenden überfordert. Wenn ihr helfen könnt, sei es mit Schuhen, Hemden, Kosmetikartikeln, Möbeln oder Fußbällen: Tut es!

Wenn jemand behauptet, Menschen die nur mit den Kleidern die sie am Körper tragen hier ankommen, seien Sozialschmarotzer, dann widersprecht!
Wenn sogenannte „Asylkritiker“ auf die Straße gehen, dann haltet dagegen!
Und wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen, dann bitte ich euch: Rastet aus! Das was diese feigen Arschlöcher tun, sind keine Dumme-Jungen-Streiche und keine symbolischen Akte. Das ist faschistischer Terror. Und das müssen wir mit allen Mitteln bekämpfen!

Der rechte Hass kommt wieder mit großen Schritten auf uns zu. Im Osten wie auch im Westen. Mit ihren menschenfeindlichen Parolen befeuern sogenannte „konservative“ Politiker_innen der CDU und CSU bereits seit Jahren die Homophobie im Land. Erika Steinbach, die menschenrechtspolitische Sprecherin der CDU-Bundestagsfraktion macht seit Jahren regelmäßig mit ihren Ausfällen über Schwule und Lesben auf sich aufmerksam. Zuletzt hat sie unseren Darmstädter CSD eine geschmacklose Parade genannt. Ohne ihn je besucht zu haben. Dabei haben wir eine persönliche Einladung geschickt.

Aber ganz unabhängig von solchen reaktionären Dinosauriern und dieser aktuellen Regierung die zum einen Teil gerne homophob ist und zum anderen Teil nach großmäuligen Wahlversprechen nun keinen Arsch in der Hose hat, braut sich gerade etwas zusammen. Eine unheilige Allianz aus verhindertem Adel, rechten Christ_innen, AfD-Funktionär_innen, Burschenschaftlern, Identitären und lupenreinen Nazis machen gegen uns Stimmung. Mit ihren Demonstrationen gegen sogenannte „Frühsexualisierung“ und „gegen Gender“ geben sie vor, sich um konservative Werte und Familienschutz zu bemühen. Letztendlich zielt diese immer weiter wachsende Bewegung jedoch darauf ab, uns als pervers zu diskreditieren und zu kriminalisieren. Aufklärung über vielfältige Lebensweisen nennen sie Kindesmissbrauch und uns nennen sie pädophil. Und mit diesen Lügen und ihrer Panikmache haben sie auch noch Erfolg bei gutgläubigen Schafen, die denken man könnte Homosexualität wegdemonstrieren.
Diese sogenannte „Demo für Alle“ erfährt dabei erstaunlich viel Verständnis und erschreckend wenig Gegenwind.

Da wir bisher nicht laut genug widersprochen haben, wurden die „Demos für Alle“ immer größer und mächtiger. Weil wir bisher nur zugeschaut haben, statt zu handeln, können mitten in Stuttgart auf „Demos für Alle“ Hassreden gegen uns gehalten werden und Homophobie und Transphobie wird vor unseren Augen wieder salonfähig gemacht.

Im letzten Juni sind 7 Darmstädter_innen von vielbunt nach Stuttgart gefahren um sich dem Protest gegen die „Demo für Alle“ anzuschließen. Wir standen mit 200 Antifaschist_innen einer Masse von 4000 rechten Christ_innen gegenüber.
Wie kann das sein? Wieso waren wir die einzige LGBT-Organisation die zum Widerstand aufgerufen hat? Weshalb waren keine anderen Homo-, Bi- oder Trans-Gruppen da?

Die „Demos für Alle“ werden immer größer und gewinnen an Macht. Gestern hat man sie noch ausgelacht, heute bringen sie die Bildungspolitik ins Stocken und morgen fordern sie, dass Homosexualität unter Strafe gestellt wird.

Was ich euch sagen möchte ist, dass es nicht mehr reicht, einmal im Jahr auf den CSD zu gehen. Es reicht nicht mehr aus, heute die Regenbogenfahne zu schwenken und morgen wieder nur schweigend den Kopf zu schütteln.

Viele von uns sind jeden Tag mit Diskriminierung konfrontiert und haben damit zu kämpfen. Es wird Zeit, dass wir alle diesen Kampf gemeinsam führen.

„Wir können auch anders“ bedeutet, mit den Mitteln die uns zur Verfügung stehen, unseren Protest auszudrücken.

„Wir können auch anders“ bedeutet für mich, ganz laut NEIN zu sagen, wenn homophobe Menschen in Talkshows eingeladen werden. Es bedeutet ein Podium zu stürmen, wenn von dort aus Hetze verbreitet wird.

„Wir können auch anders“ bedeutet, Zeitungsredaktionen mit Anrufen lahmzulegen, wenn sie diskriminierende Artikel über uns drucken!

„Wir können auch anders“ bedeutet, Plakate von homophoben Politiker_innen nicht in unseren Straßen zu dulden.

„Wir können auch anders“ bedeutet für mich, mich zu beschweren und mich zu wehren, wenn jemand uns degradiert und beleidigt.

„Wir können auch anders“ heißt, aufzustehen und kreativ zu werden!

„Wir können auch anders“ bedeutet, dass wir uns verbünden und gleiche Rechte einfordern für alle von uns: Homo, Bi, Hetero, Trans* und Inter*

Im kommenden Oktober wird es wieder eine sogenannte „Demo für Alle“ in Stuttgart geben. Und die Organisator_innen erwarten, dass sie mit ihren Lügen und ihrer Hetze noch mehr sogenannte „Besorgte Bürger“ auf die Straße bekommen, um mit ihrem besorgniserregenden Marsch auf uns herumzutrampeln.

„Wir können auch anders“ heißt, dass wir alle auch dort sein müssen! Es bedeutet, dass wir mehr sein werden!
Steht auf! Lasst euch nicht unterkriegen, haltet zusammen! Tretet Homophobie und Transphobie in den Arsch!

Stonewall was a riot  – Nazis raus! – und verdammt noch mal: Flüchtlinge willkommen!

Danke!“

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