Schwule Einsamkeit

18.12.2017 |
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Der Berliner Philosoph Christopher Izgin zeigt bei einem Vortrag mit anschließender Diskussion des Autonomen Schwulenreferats Marburg auf, dass Diskriminierung und Gewalterfahrungen krankmachen können – körperlich wie seelisch.

Von Yannic Bakhtari

Marburg. Dass Diskriminierung nicht angenehm ist, ist wohl klar. Doch ein US-amerikanischer Artikel von Michael Hobbes zeichnet ein drastisches Bild. „Together Alone: The Epidemic of Gay Loneliness“ (zu Deutsch: „Zusammen alleine: Die Epidemie der schwulen Einsamkeit“) erscheint im März 2017 in der Huffington Post und bescheinigt den soziale Verbesserungen erlebenden Gay Communities im Westen, dass sie unvermindert von Krankheiten wie Angststörungen und Depressionen betroffen sind.

Hobbes vergleicht schwule Männer mit heterosexuellen. Für Mario Ferranti, Geschäftsführer der Marburger AIDS-Hilfe, ist klar, dass der Vergleich hinkt: „Die Art, wie heterosexuelle Männer leben, unterscheidet sich fundamental von meiner als schwuler Mann.“ Schwule machen andere Erfahrungen in ihrem Leben. Mit Diskriminierung aufgrund ihrer Sexualität seien Heteros beispielsweise viel weniger konfrontiert.

Hobbes schreibt davon, dass Schwule im Alltag einen erhöhten Stresspegel vorweisen, weil die alleinige Vorstellung, einer Minderheit anzugehören, mit Stress verbunden sei. Manche übernähmen homophobe Muster und verinnerlichten diese sogar. Allerdings gelten die Ergebnisse vor allem für die USA. Inwiefern sich diese Befunde auf Deutschland übertragen lassen, ist schwierig. „Es mangelt an Studien für den deutschsprachigen Raum“, beteuert Izgin. Empirische Befunde könnten zudem gegenüber den politischen Entscheidungsträger*innen die Dringlichkeit einer Bildungsplanreform sowie LSBTIQ*-Aufklärungsprojekten vorweisen.

Aber auch der Umgang miteinander könne zu Schäden führen, so Izgin. Florian Berger, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Hessen, ergänzt: „Die Sexualkultur kann zu Menschen herabwürdigendem Verhalten führen.“ Die Digitalisierung mit der einhergehenden Vereinfachung der Kontaktaufnahme, aber auch der distanzlosen Diskriminierung einerseits, die Anbiederung vieler Homosexueller an heteronormative Wertstrukturen und gegenseitige Diskriminierung aufgrund fehlender stereotyper Attribute andererseits könne sich negativ auf die psychische Gesundheit schwuler Männer auswirken. Sätze wie „keine Opas und Dicken“ oder „keine Schwarzen“ können stark verletzend wirken. „Von den eigenen Leuten abgewiesen zu werden, tut mehr weh, weil man sie mehr braucht“, zitiert Izgin Hobbes.

Für Ferranti seien die Probleme und die Diskriminierung, die Homosexuellen widerfahren, aber „nicht nur Schönheitsfehler dieser Gesellschaft“. Die Frage nach einer solidarischen Gesellschaft stelle sich immer im Hinblick auf die Frage nach der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft, war es aus dem Publikum zu vernehmen. Konkurrenzdenken fördere Ausgrenzung, die sich auch und gerade im Umgang mit sozialen Minderheiten zeige. „Schwule müssen wieder politisiert werden“, fordert Izgin daher. Es brauche gegenseitige Ermutigung im Kampf um Kapitalismuskritik und ernsthafte Emanzipation.

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