Streitpunkt Beziehungen: monogam oder offen?!

08.04.2019 |
Björn Beck

In verschieden Netzwerken und Kontexten prallen immer mal wieder die scheinbar gegensätzlichen Beziehungsmodelle aufeinander und es entfachen sich zum Teil heftige Auseinandersetzungen. Das Vorbild mit dem wir aufwachsen ist immer dasselbe: Vater, Mutter, Kind(er). Und erstmal orientieren wir uns dann auch nach diesem Vorbild. Woher diese Norm kommt, welche Interessen darin zum Ausdruck kommen, wird meist nicht hinterfragt. Sogar in der Forschung zu Beziehungsmodellen zeigt sich schon in den Fragen eine Voreinstellung, sogenannte „Bias“, die etwas über die Meinung der Forscher*innen verraten: Begriffe wie „Fremdgehen“ oder „Untreue“ sind in diesem Kontext tendenziös, denn in offenen Beziehungen ist Sex mit anderen ja gerade nicht der in den Begriffen steckende Vertrauensbruch. So stehen sich auch die Begriffe „feste Beziehung“ und „offene Beziehung“ scheinbar widersprüchlich gegenüber.

Dabei zeigen Studien sehr deutlich, dass eine große Mehrheit der Menschen die „fremdgehen“ ihre Partner*innen trotzdem lieben. Und dennoch spielt der klassische „Ausrutscher“ eher eine geringe Rolle. Etwa 60% ließen sich auf eine Affäre ein. Dabei ist der häufigste Grund sexuelle Unzufriedenheit – was aber wohl die Liebe zueinander nicht schmälert. Aber auch hier geht die Forschung von den traditionellen Beziehungsmodellen aus. Wenn man dann mal gegenüberstellt, dass zwischen 60 und 80% „Untreue“ (und wieder wird nicht unterschieden, ob Sex mit einer anderen Person, oder der Vertrauensbruch wenn das nicht abgesprochen passierte, gemeint ist) als ernsthaftes Problem für eine Beziehung ansehen und dann 50 bis 60% dennoch mal einen Seitensprung, oder eine Affäre hatten, wird es spannend: Wir legen uns die Messlatte der gegenseitigen Erwartungen selbst ziemlich hoch und wissen eigentlich schon von vornherein, dass es zumindest bei langen Beziehungen nicht unwahrscheinlich ist, dass wir irgendwann daran scheitern werden.

Modelle für (offene) Beziehungen sind immer sehr individuell und entsprechen im besten Fall den Bedürfnissen aller beteiligten Personen, ob es nun zwei oder mehr sind. Liebe, Respekt und Vertrauen halten Menschen in Beziehungen zusammen, ob es nun partner- oder freundschaftliche Beziehungen sind. Auch wenn es manchmal gar nicht so leicht ist, sich über die eigenen Bedürfnisse und Phantasien im Klaren zu sein, ist es umso wichtiger offen miteinander zu sprechen und die jeweiligen Wünsche zu respektieren. Für viele in offenen Beziehungen bezieht sich das „offen“ nicht nur auf die sexuellen Freiheiten, sondern vielmehr auch auf die offene Kommunikation über die Wünsche, Phantasien und Abenteuer. Diese Offenheit schafft wiederum auch Vertrauen. Aber es gibt auch Modelle, in denen man die Freiheiten zwar genießt, aber nicht darüber gesprochen wird. Oder Sex mit anderen findet nur gemeinsam statt. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt und so vielfältig wie wir sie gestalten. Wichtig ist sicherlich die gemeinsamen Regeln zu respektieren und im Falle des Falles auch mal verzeihen zu können. Und außer Euch selbst steht es niemandem zu darüber zu urteilen, was ihr miteinander  vereinbart habt.

Der Text erschien im Lustblättchen April 2019

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